Einleitung in die Kybernetik



Einführung in die Kybernetik 
1. Kybernetik 
Kybernetik ist eine Disziplin der Praktischen Theologie, welche sich gegen Ende des 19. Jhs. etabliert hat (Gerhard von Zezschwitz / Theodosius Harnack). Im Kern geht es in der Kybernetik um Folgendes: So wie ein Schiff einen Steuermann braucht, so benötigt jede zweckgerichtete Gemeinschaft von Menschen eine Leitung. Kybernetik als Disziplin der Praktischen Theologie thematisiert daher die Bedingungen, unter welchen im kirchlichen Kontext vom Herrn eingesetzte Personen unter der Führung und Leitung des Heiligen Geistes die Leitung der Gemeinde wahrnehmen. 
2. Woher stammt die Terminologie «Kybernetik»? 
κυβέρνησις (kybernesis) bedeutet die Fähigkeit ein Schiff zu steuern, wobei die Person am Steuerruder κυβερνήτης (kybernetes) genannt wird. Dieser Begriff des Steuermanns wird im NT in Apg 27,11 und Offb 18,17 verwendet. Die Klarheit des Bildes von der Tätigkeit eines Steuermanns legte es schon im klassischen Griechisch bei Plato, Polybios, Pindar und anderen Autoren früh nahe, den Begriff im übertragenen Sinne etwa für die politische Leitung zu verwenden. So wie der Steuermann eines Schiffes Bescheid weiss über Jahres- und Tageszeiten, Himmel, Sterne und Luftströmungen muss ein Politiker in der Lage sein, das Gemeinwesen unter komplexen politischen Bedingungen auf Kurs zu halten. 
3. Spielt dieses Verständnis eine Rolle für die Übersetzung von 1Kor 12,28? 
Ja, denn in 1Kor 12,28 erwähnt Paulus das charisma kyberneseos (χάρισμα κυβρνήσεως). Die gängigen Übersetzungen „Verwaltung“ (Schlachter), „Leitungen/Leitung“ (Elberfelder/Luther 84) oder „Leitungsämter“ (Wilckens) bringen die hohe Dynamik und die bildhafte Ebene des beschriebenen antiken Begriffs im Griechischen und dann auch in der lateinischen Übersetzung (gubernatio) nur sehr unvollständig zum Ausdruck. Sie lösen die Assoziation einer mit Akten gefüllten Amtsstube aus und ersticken in ihrer Statik den biblischen Bedeutungsgehalt dieses für den Gemeindebau hochnotwendigen Charismas. Man müsste hier mit „Erweise der Fähigkeit zur Gemeindeleitung“ übersetzen. Im Plural des χάρισμα κυβρνήσεως (charisma kyberneseos) sind verschiedene Steuerungs- und Navigationstechniken gemeint, mit welchen ein Schiff durch die oft unberechenbaren und meist von fehlenden oder zweifelhaften Informationen geprägten Situationen hindurchgesteuert werden kann. 2 


4. In der heutigen Politik hört man oft die Redewendung „zwischen Skylla und Charybdis“. Hat diese Redewendung etwas mit Kybernetik zu tun? 
Ja, sehr viel. Dadurch wird sozusagen die kybernetische Standardsituation beschrieben. Der Steuermann (κυβερνήτης / kybernetes) muss mit Aufbietung aller seiner Steuermannskunst (κυβέρνησις / kybernesis) eine Fahrrinne zwischen zwei riesigen Gefahren suchen. In der Odyssee im 12. Gesang muss Odysseus auf seiner Irrfahrt durch eine Meerenge manövrieren. Inmitten von Wasserstaub und mächtiger Brandung lauert das Seeungeheuer Charybdis. Dreimal am Tag saugt dieser hervorquellende und wieder zurückwallende Strudel jedes Schiff in seinen Rachen, das in seine Nähe gerät. Machen die Schiffe aber einen zu weiten Bogen um die Charybdis, werden sie auf die gegenüberliegende Seite der Meerenge getrieben, wo die Skylla in einem Felsen ihre Wohnung hat. Schwarz wie die Nacht ist diese Höhle, in welcher die Skylla mit fürchterlichem Bellen alle Vorüberfahrenden erschreckt. Dieses Ungeheuer hat zwölf unförmige Füsse und sechs Schlangenhälse, wobei auf jedem derselben ein scheusslicher Kopf mit drei dichten Reihen von Zähnen fletscht. Ehe sich die Schiffer versehen, hat Skylla einen von ihnen mit ihren Zähnen gepackt und in ihrem Rachen verschlungen. Aus diesem Grunde belehrt Odysseus seinen Steuermann mit den Worten, welche als kybernetische Grundweisheit bleibende Gültigkeit haben: „Du aber, Steuermann (κυβερνήτης / kybernetes), nimm all deine Besinnung zusammen und lenke das Schiff durch Schaum und Brandung, so gut du kannst! Fass den Felsen ins Auge, damit du nicht in den Strudel geratest! Das Schiff darf dir nicht entgleiten, sonst stürzt du uns alle ins Verderben.“ (Homer, Odyssee, 12,217-221). Kybernetische Leitung bedeutet also, eine Organisation wie ein Schiff durch eine gefahrenvolle Situation hindurchzusteuern, wobei immer das Gesamtsystem im Auge behalten werden muss. Es sind massvolle Abwägungen zwischen verschiedenen Werten, Zielen und Interessen zu treffen. Jede einseitige Überbetonung eines Vektors kann dazu führen, dass ein anderes lauerndes Risiko zuschlägt. Kybernetischer Gemeindebau ist daher die hohe Kunst der massvollen Abwägung unter Führung und Leitung des Heiligen Geistes. Dieses „Prüfen, was der Wille Gottes ist“ (Röm 12,2) führt dazu, dass die Fahrrinne für das Schiff freigelegt wird, welche zwischen Skylla und Charybdis hindurchführt. Wird diese gefunden, so verwirklicht sich gemäss Röm 12,2 „der gute, wohlgefällige und vollkommene“ Wille Gottes zum Wohl der Gemeinde und zum Segen für alle Gläubigen.